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Bulletin Nr. 17 - Oktober 2020

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Editorial

Liebe Leserin und lieber Leser

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In die Rolle der/des pflegenden und betreuenden Angehörigen wird man nicht hineingeboren. Oft ist es auch kein bewusster Entscheid, sondern es sind Schicksale die dahinterstehen. Schicksale, die jede und jeden von uns treffen können. Häusliche Pflege ist weit mehr als eine Privatangelegenheit – sie geht uns alle an. Wir widmen daher das vorliegende Bulletin diesem Thema.

Pflegende und betreuende Angehörige erbringen eine äusserst wertvolle, gesellschaftlich unverzichtbare Leistung. Vielfach kommen sie dabei an ihre Grenzen, physisch, psychisch und zum Teil auch finanziell. Wenn die häusliche Pflege Aufopferung bedeutet und eigene Bedürfnisse über längere Zeit vernachlässigt werden - spätestens dann ist es Zeit, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Eine Möglichkeit dafür ist die Spitex. Sie arbeitet Hand in Hand mit den Angehörigen, pflegt bedarfsgerecht und berücksichtigt dabei die Individualität jeder Situation. Sie kann Angehörige vorübergehend oder über längere Zeit punktuell oder umfassend entlasten.

Mein Respekt gilt allen pflegenden und betreuenden Angehörigen – den grössten Respekt habe ich jedoch vor jenen, die über Jahre mit Engagement und Empathie ihnen nahestehende Personen pflegen und für sich dabei eine gute «care-life-balance» gefunden haben.


Rebekka Hansmann
Präsidentin Spitex Verband Aargau

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Ausgangslage

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592'000 – so viele Personen betreuen schweizweit gemäss Schätzungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) eine ihnen nahestehende Person. 
«Man nimmt an, dass im Kanton Aargau jährlich rund 5 Millionen Stunden Pflege und Betreuung freiwillig und unentgeltlich geleistet werden», sagt Christina Zweifel, Leiterin der kantonalen Fachstelle Alter und Familie in einem Beitrag der Aargauer Zeitung.*

Nur Schätzungen können wiedergeben, wie viele Stunden unentgetlich geleistet werden, um Angehörige zu pflegen, ihnen den Haushalt zu besorgen, Einkäufe und administrative Aufgaben zu übernehmen, Fahrdienste anzubieten oder ihnen Gesellschaft zu leisten.

Würden all diese Stunden von professionellem Personal geleistet werden müssen, ergäbe das alleine im Kanton Aargau Gesundheitsmehrkosten in der Höhe von 275 Millionen Franken (bei durchschnittlichen Arbeitskosten von 55 Franken pro Stunde). Schweizweit errechnete man bereits 2013 einen Wert von 3.5 Mia. Franken.

Ohne pflegende Angehörige funktioniert die ambulante Versorgung nicht. "Sie übernehmen dank Detailkenntnissen der spezifischen Situation und der Rahmenbedingungen viele wichtige Aufgaben zum Erhalt der Lebensqualität; dies oft über lange Zeit und mit hoher Zuverlässigkeit", schreibt so auch das BAG in seinem Kurzbericht von August 2020.**  Oft entsteht die Pflegesituation auch aus einem tiefen Bedürfnis heraus, der Partnerin, dem Kind, dem Vater diese Form der Zuneigung zukommen zu lassen. Je handlungsfähiger die Helfende dabei ist, umso befriedigender und auch energieschonender kann dieser persönliche Wunsch erfüllt werden.
Deshalb arbeiten die Pflegefachpersonen der NPO-Spitex eng mit den Angehörigen zusammen. Durch eine gesunde Einschätzung der Lage und der individuellen Möglichkeiten  und durch klare Instruktionen können die Spitex-Fachpersonen Angehörige unterstützen.
Dabei verfolgen beide dasselbe Ziel: Die von ihnen betreute Person soll so lange und so selbständig wie möglich zu Hause leben können. Um Pflegequalität und Sicherheit konstant zu gewährleisten, braucht es die Spitex-Mitarbeitenden. Sie sind die Profis mit der nötigen Fachkompetenz und der erforderlichen Pflegedistanz. Oft sind sie aber nur kurz bei ihren Klientinnen und Klienten, und es sind die Angehörigen, welche die pflegebedürftigen Personen an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr unterstützen. Durch eine enge Zusammenarbeit können kritische Situationen frühzeitig erkannt und letztlich auch Fehler vermieden werden.

*Aargauer Zeitung vom 6.8.2019: "Jährlich rund 5 Millionen Stunden: ADie grösste Pflegestation im Aargau ist die Familie" von Jörg Meier

**"Kompetente Kooperation von Fachpersonen im Gesundheits- und Sozialwesen mit betreuenden Angehörigen", Brügger, Sottas, Kissmann et al., 2020.
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Trotz allem Goodwill und aller Fürsorge darf nicht übersehen werden, dass die Angehörigenpflege eine grosse Belastung sein kann - auf körperlicher, psychischer und sogar finanzieller Ebene.
Einen Angehörigen aus dem Bett zu heben, Nächte durchzuwachen oder einen Rollstuhl in ein Auto zu hieven, kann an die körperliche Leistungsgrenze gehen.
Die emotionale Nähe zur kranken oder verletzten Person kann belastend sein, wenn diese gereizt oder übermüdet ist oder mit Schmerzen kämpft. Die Beziehungsrollen ändern sich - eine grosse Herausforderung z.B. in einer Partnerschaft. Nicht zuletzt reduzieren zahlreiche pflegende Angehörige ihr Arbeitspensum, um beispielsweise eine an Demenz erkrankte Person dauernd betreuen zu können. Das hat Auswirkungen nicht nur auf die aktuelle finanzielle und soziale Situation, sondern auch auf die Altersvorsorge des Pflegenden. 
 

Vermittlerin Spitex
Diese schwierigen Umstände wurden auf verschiedenen Ebenen erkannt. Ein Netz von Unterstützungsprojekten und Entlastungsangeboten steht den pflegenden Angehörigen im Kanton Aargau zur Verfügung s. Links zu Entlastungsangeboten. Die Spitex nimmt dabei eine wichtige Funktion wahr: Durch den engen Kontakt zu den Angehörigen kann sie frühzeitig erkennen, wo Entlastung nötig ist und das Gespräch mit den Angehörigen suchen. Sie verfügt über Informationen und Kontakte zu den Unterstützungsangeboten und kann als Vermittlerin agieren. Die Hemmschwelle der Hilfesuchenden, ein entsprechendes Angebot in Anspruch zu nehmen, sinkt dabei erfahrungsgemäss deutlich.
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In der umfassenden Studie "Statistische Auswertungen zur Anzahl Angehöriger, die Betreuungs- und Pflegeleistungen erbringen"*, welche 2016 im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit - BAG - erstellt wurde, notieren die Autoren einen Trend: Die Anzahl der pflegenden Angehörigen sei tendeziell zurückgegangen, so die Studie, was auf die kleinere Anzahl Angehöriger zurückzuführen ist, welche ausserhalb des eigenen Haushalts Pflegeleistungen erbrächten.
Die Studie konnte nachweisen, dass hingegen die Inanspruchnahme von Spitex-Leistungen gestiegen sei. Im Zusammenhang mit der Tatsache, dass die Zahl der über 64-jährigen, zu Hause lebenden Personen ansteigt, erkennt die Studie den zukünftig weiter ansteigenden Bedarf an Spitex-Leistungen.

Die zu erwartende Verschiebung von freiwlliger zu bezahlter Pflege und Betreuung impliziert auch, wie hoch der volkswirtschaftliche Nutzen der freiwilligen Angehörigenpflege ist. Legt man die eingehends erwähnten gschätzten 275 Millionen Schweizer Franken für den Aargau zugrunde, lässt sich ein sukkzessiv steigende Mehrbelastung bei den Gesundheitskosten in der Höhe von vielen Millionen absehen.


*(Bannwart/Dubach), 2016
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2017 entwickelte der Bund als Teil der gesundheitspolitischen Prioritäten Gesundheit2020 einen "Aktionsplan zur Unterstützung und Entlastung von betreuenden und pflegenden Angehörigen" und ein Förderprogramm, um die Rahmenbedingungen für pflegende Angehörige zu verbessern.
Die Umsetzung der Massnahmen soll gemeinsam mit den Kantonen, Gemeinden und privaten Organisationen durchgeführt werden.
Weitere Informationen

Am 22.5.2019 überwies der Bundesrat die Botschaft zum Bundesgesetz über die Verbesserung der Vereinbarkeit von Erwerbstätigtkeit und Angehörigenpflege ans Parlament. Das neue Gesetz regelt die Lohnfortzahlung bei kurzen Abwesenheiten und schafft einen bezahlten Betreuungsurlaub für Eltern von schwer kranken oder verunfallten Kindern. Zudem werden die Betreuungsgutschriften in der AHV erweitert und der Bezug der Hilflosenentschädigung für Eltern angepasst.
zur Medienmitteilung des Bundes vom 22.5.2019

Der Kanton Aargau engagiert sich ebenfalls für pflegende Angehörige (weiterscrollen).
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«Im Kanton Aargau sind pflegende Angehörige anerkannt und unterstützt.»

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Der Leitsatz 11 der kantonalen Alterspolitik empfängt den Besucher auf der Website.
Der hohe gesellschaftliche und ökonomische Wert der Angehörigenpflege wird dabei hervorgehoben. Besonders die durchschnittlich mehr als 60 Stunden pro Woche, die pro Angehörigem geleistet werden, lassen dabei erahnen, dass Unterstützungsangebote und eine Entlastung, z.B. durch die Spitex, dringend nötig sind.

Auf kantonaler Ebene werden die Entlastungsangebote seit September 2020 zentral dargestellt. Auf der Website www.ag.ch/ichhelfe und auf der Site für Unterstützungsangebote können Angehörige das Netzwerk der Unterstützungsmöglichkeiten nach passenden Angeboten durchsuchen.


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Den Gemeinden spricht der Kanton bei der Koordination von Unterstützungsangeboten für pflegende Angehörige eine zentrale Rolle zu. Vielfach bestehe bei den Betroffenen Bedarf nach leicht zugänglichen Informationen über Unterstützungsangebote direkt in der Region und über finanzielle und Unterstützungsmöglichkeiten sowie bei rechtlichen Fragen in der Gemeinde.
Der Kanton hat für Gemeinden einen Leitfaden für die Durchführung von regionalen Informationsveranstaltungen konzipiert. Mit Flyer-Vorlagen, Drehbüchern, Auswertungsbögen usw. unterstützt er die Arbeit der Gemeinden.
Zu den Informationen für die Gemeinden.

Gemeinwirtschaftlicher Gewinn
Die Spitex, als Ausführende des Leistungsauftrages der Gemeinden, ist dabei eine zentrale Figur: Sie hat das Know-how und die Erfahrung im Umgang mit den Themen, denen pflegende Angehörige begegnen und kann frühzeitig den Bedarf nach Unterstützung feststellen. Dafür braucht es eine fitte Spietx, die die Angehörigen miteinbeziehen, aber auch rechtzeitig auf Entlastungsangebote hinweisen kann. Diese nicht direkt verrechenbare Zeit schlägt gemeinwirtschaftlich positiv zu Buche: Werden pflegende Angehörige  aufmerksam und professionell begleitet und aktiviert man deren Potenzial, können bezahlte Pflege- oder Betreuungsstunden eingespart werden. Durch die Früherkennung von Überlastungssituationen und durch die rechtzeitige Einleitung entlastender Massnhamen, kann ausserdem ein Betreuungsverhältnis durch einen Angehörigen über längere Zeit aufrecht erhalten werden, was nicht nur dem Wunsch der Betreuten und der Betreuenden entspricht, sondern auch dem Gemeinwohl zudient.

Spitex stärken, alle Angehörigen unterstützen
Die Spitex in der Funktion der Angehörigen-Unterstützung zu stärken, käme auch einem breiten Bedürfnis entgegen: wie eine Befragung des BAG von kantonalen Gesundheitsfachpersonen 2019* aufzeigt, sind zwar vielen Angehörigen die unterschiedlichen Entlastungsprogramme bekannt. Wurden sie dennoch nicht angenommen, lag das meistens daran, dass sie zu teuer waren. Somit kommt die Hilfe offenbar eher den Besserverdienern zugute. Doch gerade jene, welche hohe Pensen zu niedrigen Löhnen abdecken und nebenbei noch die aufwändige Angehörigenpflege übernehmen, sind von Überlastungssituation besonders bedroht.  Die NPO-Spitex hat hingegen den Auftrag, allen Einwohner des ganzen Kantons die gleiche Unterstützung zukommen zu lassen und kann in dieser Rolle alle pflegenden Angehörigen begleiten und beraten.


*"Bedürfnisse und Bedarf nach Entlastung von betreuenden Angehörigen", Schlussbericht; Golder, Jans, Weber et al., 2019.

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Interviews

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Jacqueline Schnider ist Mutter einer 31-jährigen Tochter mit cerebraler Bewegungsbehinderung. Nach sechzehn Jahren zogen sie und ihr Mann die Spitex als Unterstützung hinzu.

In welchem Zusammenhang beanspruchen Sie die Spitex?
Unsere Tochter lebt in begleiteten Wohngruppen und anderen Formen des betreuten Zusammenlebens. Seit 15 Jahren unterstützt uns die Spitex bei der Grundpflege, wenn unsere Tochter am Wochenende nach Hause kommt.
Wie haben Sie die Betreuung davor gelöst?
Als unsere Tochter klein war, haben wir sie selbst betreut. Nach der Geburt unseres zweiten Kindes holte ich mir dann Hilfe von einer Privatperson, die mich in der Betreuung unserer Tochter und im Haushalt unterstützte.
Unsere Tochter lebt seit ihrem 16. Lebensjahr in Wohninstitutionen. Wenn sie an den Wochenenden nach Hause kam, haben wir sie anfangs allein betreut.

Wie kamen sie auf die Spitex?
Unsere Tochter wurde ja grösser und somit auch schwerer. Die körperliche Belastung für uns wuchs. Auch die psychische Belastung, wenn es z.B. in ihrer betreuten Wohnsituation nicht rund lief und ich spontan «springen» musste, ging mir an die Gesundheit. Ich meldete mich bei der Spitex und bat um Hilfe. Heute weiss ich, dass ich mir diese Unterstützung viel früher hätte holen sollen.

Würden Sie pflegenden Angehörigen in ähnlichen Situationen heute empfehlen, früh Hilfe zu holen?
Auf jeden Fall! Bei der Spitex kann ich mich darauf verlassen, dass Unterstützung kommt. Es ist eine Konstanz da, die mich konsequent entlastet. Ausserdem sind die verschiedenen Fachfrauen, die wir mittlerweile gut kennen, auch ein toller sozialer Event für unsere Tochter. Jede Fachfrau bringt ihre ganz eigenen Kernkompetenzen mit und so können wir von einem sehr umfangreichen Wissenspool profitieren. Eine Fachfrau ist vielleicht erfahrener bei Druckstellen, die durch das Sitzen und Liegen entstehen, eine andere hat ein besonderes Gespür dafür, wenn unsere Tochter mal moralisch in einem Loch ist oder fühlt heraus, ob wir Eltern mal eine Pause bräuchten. Besonders Freude hat unsere Tochter an einer Spitex-Fachperson, die ihr immer besonders gekonnte Zöpfe flicht.

Warum die Spitex?
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Spitex die Strukturen hat, uns jederzeit, auch am Wochenende, garantiert zu unterstützen. Ich kann mich vollkommen darauf verlassen, dass die Hilfe funktioniert. Da wir auch ab und zu an Wochenenden arbeiten, kommt es vor, dass unsere Tochter morgens von der Spitex für den Tag vorbereitet wird. Zu wissen, dass das alles während meiner Abwesenheit klappt, ist für mich die grösste Entlastung.

Pflegende Angehörige haben viel Kontakt mit der Spitex, auch wenn nicht sie selbst gepflegt werden müssen. Wie gehen Sie damit um, dass sich die Spitex-Pflegefachfrauen regelmässig in Ihrer Privatsphäre bewegen?
Auch wenn wir die Pflegefachpersonen oft schon seit vielen Jahren kennen, pflegen wir einen herzlichen aber doch professionellen Umgang. Wir wissen es sehr zu schätzen, wie unaufgeregt, effizient und unaufdringlich sich die Spitex-Pflegefachfrauen in unserem Haus bewegen. Dadurch, dass wir unsere Tochter so lange selbst betreut haben und durch Instruktionen von Ärzten und Therapeuten quasi zu Fachleuten für unsere Tochter wurden, findet der Kontakt auf Augenhöhe statt: Wir können die Pflegefachfrauen über die gewohnten Handlungen informieren, sind aber auch froh über Hinweise von ihnen.

Was würden Sie sich als pflegende Angehörige von der Politik oder der Gesellschaft wünschen?
Ich wünsche mir klare Information und die Koordination von Hilfsstrukturen. Wir konnten uns zwar bei einzelnen Stellen Hilfe holen, doch waren die Angebote unkoordiniert und die Informationsbeschaffung war ein immenser Aufwand. Nur durch viel Eigeninitiative und kreative Ideen konnten wir in den ersten sechzehn Jahren als Familie funktionieren. Es wäre wünschenswert, dass pflegenden Angehörigen proaktiv aufgezeigt würde, was es braucht und welche Angebote es gibt. Ausserdem sollte Hilfe nicht nur bei der direkten Betreuung der Angehörigen angeboten werden, sondern auch bei der Arbeit im bürokratischen und administrativen Dschungel. Was mein Mann in den letzten 31 Jahren für den Papierkram investiert hat, kommt dem Aufwand für die Betreuung unserer Tochter gleich! Ich habe erfahren, dass zahlreiche Paare mit beeinträchtigten Kindern getrennt sind. Ich kann mir kaum vorstellen, wie ein alleinerziehender Elternteil die Betreuung UND den administrativen Aufwand meistern kann. Vermutlich kommen viele pflegende und betreuende Angehörige gerade durch die administrativen Herausforderungen, die sie notabene nebst Betreuung oder Pflege, nebst Haushalt, Beruf und Sozialleben zu meistern haben, an ihre Grenzen.

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Interview mit Christian Wernli, Teamleiter Regionales Palliative Zentrum Spitex Suhrental Plus

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Christian Wernli leitet das vierköpfige Team, das für rund 140'000 Einwohner in der Regionen Suhrental, Rudertal, Zofingen, Aarau bis nach Densbüren spezialisierte Palliative Care leistet.

Herr Wernli, wer ist die/der typische Angehörige?
Das Typische an Angehörigen ist, dass es keinen typischen Angehörigen gibt! Jede Person ist individuell in ihrer Wahrnehmung, in der Lebenssituation, in der Beziehung zur zu betreuenden Person, in ihrer Belastungsgrenze. Angehörige sind berufstätige Frauen, die ihre chronisch kranken Kinder pflegen, pensionierte Söhne, die den dementen Vater versorgen, Ehefrauen, die ihren depressiven Partnern tragen, jugendliche Söhne, die die gelähmte Mutter unterstützen – ich könnte noch lange so weitermachen. Deshalb muss auch die Zusammenarbeit mit den Angehörigen genau so individuell gestaltet werden.

Wie sieht die Zusammenarbeit der PalliativeSpitex mit Angehörigen aus?
Wir pflegen Klientinnen und Klienten in spezialisierten palliativen Situationen, die zu Hause sein möchten, bei Bedarf in Zusammenarbeit mit der regionalen Spitex vor Ort. Ohne pflegende Angehörigen und einem funktionierenden Netzwerk aus Nachbarschaftshilfe, Therapeuten und Hausärzten wäre diese Wohnform für Klienten in Palliativsituationen schlichtweg nicht möglich.
Wir sind deshalb im engen Austausch mit den Angehörigen, erleben sie bei unseren Einsätzen auch immer 1:1 und beziehen sie in den Behandlungs- und Betreuungsplan mit ein. Wir können vor Ort abschätzen, ob eine Betreuung zu Hause überhaupt möglich ist: Hat ein Pflegebett Platz in der Stube, kommt der Rollstuhl durch die Haustüre? Die Zusammenarbeit kann auch bedeuten, Alternativen vorzuschlagen.

Wie viel kann ein Angehöriger mithelfen? Was sind Ihre Erfahrungen mit deren Selbsteinschätzung?
Meistens erleben wir, dass sich pflegende Angehörige zu wenig zutrauen, wenn es z.B. um die Verabreichung von Medikamenten geht. Je nach Situation und unserer Einschätzung laden wir die Angehörigen ein, sich von uns die Handlungsabläufe zeigen zu lassen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Angehörigen zufriedener und beruhigter sind, wenn sie in Notfallsituationen handlungsfähig sind.
Wenn es um die Belastbarkeit geht, spüren wir hingegen häufig, dass die eigenen Kräfte überschätzt werden. Man kann sich das kaum vorstellen, was da geleistet wird. Das kann man kaum beschreiben: Diese Personen sind 24 Stunden auf Abruf bereit, sie können sich nicht mehr frei bewegen, haben oft kein gesellschaftliches Leben mehr neben der Betreuungssituation. Sie nehmen sich aber vor, diese Belastung zu meistern. Oft stehen Versprechen dahinter, die man sich explizit oder stillschweigend gegeben hat: Ein Ehepaar, das sich versprochen hat, in guten und schlechten Zeiten zueinander zu stehen. Eltern, die befürchten, schlechte Eltern zu sein, wenn sie ihrem Bedürfnis nach Erholung nachgeben.

Wie können Sie diese Angehörigen unterstützen?
Wir stellen fest, dass die wichtigste Unterstützung unsere Erreichbarkeit ist. Ein kurzer Anruf, wenn eine Unsicherheit entsteht, beruhigende Worte und Instruktionen via Telefon wirken Wunder. Wir arbeiten ganz gezielt darauf hin, dass die Angehörigen wagen, sich bei uns zu melden, egal für welche Frage und vor allem auch egal, um welche Uhrzeit! Diese Hürde das erste Mal zu überwinden, ist für viele Angehörige sehr gross. Sie halten unendlich lange durch, nur um zum Beispiel niemanden bei der Spezialisierten Palliativen Spitex nachts zu wecken. Uns ist es aber sehr wichtig zu vermitteln, dass wir sehr gerne jederzeit für die Angehörigen da sind, niederschwellig und unkompliziert, und dass so auch oft Notfallsituationen durch rechtzeitigen Anruf vermieden werden.

Was raten Sie pflegenden Angehörigen?
Holen Sie sich Hilfe, nehmen Sie Unterstützung an! Sie können Ihr Versprechen einlösen. Aber Sie haben nicht versprochen, zu Ihrem Angehörigen besser zu schauen, als zu sich selbst. Sie können nur helfen, wenn es Ihnen selbst gut geht und Hilfe anzunehmen, bedeutet nicht, dass man gescheitert ist!

Wissen Angehörige, wo es Hilfe gibt?
Tatsächlich stellen wird immer wieder fest, dass viele Angebote nicht bekannt sind. Selbst, dass die regionale Spitex über die Grundpflege hinaus Unterstützung gewährleistet, ist nicht überall bekannt. Für weitere Hilfsangebote sehe ich die regionale Spitex sowie die übergreifende Spezialisierte Palliative Care als grosse Chance. Die Spitex-Pflegefachpersonen sind direkt vor Ort, bei den Klientinnen und Klienten zu Hause. Sie können abschätzen, wenn sich eine Überlastungssituation anbahnt oder wenn ein gezieltes Unterstützungsangebot für Entspannung sorgen kann; ich denke dabei zum Beispiel an einen Mahlzeitendienst, einen Fahrdienst, eine Haushaltshilfe oder Einkaufsdienste von privaten Organisationen. Die Spitex kann helfen, bedarfsgerecht über diese Angebote zu informieren.
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Am 30. Oktober stehen die Angehörigen im Mittelpunkt

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Ohne den Einsatz von pflegenden und betreuenden Angehörigen würde in der Schweiz die Versorgung von älteren Menschen, Menschen mit Krankheit oder Behinderung zusammenbrechen. Am 30. Oktober wird alljährlich dieses wertvolle Engagement von pflegenden und betreuenden Angehörigen ins Scheinwerferlicht gerückt.

Im Kanton Aargau und Solothurn bedanken verschiedene Organisationen aus dem Entlastungsumfeld, so auch die NPO-Spitex, auch in diesem Jahr bei den unermüdlichen Helferinnen und Helfern. Hierzu verteilen sie im Laufe des Oktobers als kleine Dankesgeste rund 9'500 Schoggi-Herzen an betreuende Angehörige.

Im Zusammenhang mit diesem Tag lanciert der Kanton Aargau auch die neue Website www.ag.ch/ichhelfe, auf welcher die zahlreichen Unterstützungsangebote im Aargau übersichtlich dargestellt sind.
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Angehörige über Angebote informieren

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Die vom Kanton Aargau lancierte Site stellt aktuell und übersichtlich die Untertsützungsangebote für pflegende und betreuende Angehörige vor.

www.ag.ch/ichhelfe
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Impressum

Impressum:
Spitex Verband Aargau
Laurenzenvorstadt 11
5000 Aarau
T 062 824 64 39

info@spitexag.ch
www.spitexag.ch

Ausgabe Nr. 17 | Oktober 2020
(erscheint zweimal jährlich)
Redaktion/Gestaltung: SVAG

Unser Bulletin beleuchtet aktuelle Themen der NPO-Spitex und liefert Hintergrundinformationen.
Vertiefende Informationen zu anderen Themen finden Sie auf www.spitexag.ch


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