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Zukunft Spitex-Pflege - Wege aus dem Fachkräftemangel

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Mit dem Motto des diesjährigen Spitex-Tages am 3. September wurde auf die grosse Arbeit der Pflegefachleute aufmerksam gemacht. Besonders die COVID-19-Situation hat die Pflegeberufe mit dem Begriff „systemrelevant“ in Verbindung gebracht. Die Spitex hat eine unverzichtbare Rolle in der Gesundheitsversorgung. Dabei übernehmen Spitex-Fachpersonen eine tragende Rolle: Sie verbessern die Gesundheit, tragen zur Kosteneffektivität bei und wirken präventiv. 

Schritte gegen den Fachkräftemangel
Die Diskussion zur Rolle und zum Stellenwert der Pflege ist hochaktuell. Deshalb soll den Pflegefachkräften nicht nur gedankt, sondern auch auf dringend benötigten Schritte aufmerksam zu gemacht werden, die dem Fachkräftemangel entgegenwirken.

Jährliche Fachveranstaltung in digitaler Form
In diesem speziellen Jahr konnte die im Rahmen des Nationalen Spitex-Tages geplante Fachveranstaltung des Spitex Verband Aargau nicht durchgeführt werden. Der Spitex Verband Aargau nimmt sich des Themas deshalb in Form dieser "digitalen Fachveranstaltung" an.
Erfahren Sie von unseren Interviewpartnerinnen und -partnern Hintergründe über die Entwicklung des Pflegeberufs, über die Pflegeinitiative und den Gegenvorschlag sowie über die politische Stimmung, als auch über die Erfahrungen an der Basis.

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«Pflege hat Zukunft und die Zukunft braucht die Pflege, sowohl die Menschen der Zukunft, die trotz aller Errungenschaften in ökonomischen und technischen Belangen weiterhin mit Krankheit und Tod zu leben haben, wie auch unser Beruf selbst, der sich im Spannungsfeld von Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit durchzusetzen hat.» Liliane Juchli

Die am 30. November 2020 verstorbene grosse Schweizer Pflegepionierin Liliane Juchli brachte auf den Punkt, wie wichtig die Pflegeberufe in unserer Gesundheitsversorgung, ja in unserer Gesellschaft heute und auch in Zukunft sind.
Der drohende Fachpersonalmangel und die Arbeitssituation in den Pflegeberufen sind seit vielen Jahren ein grosses Thema; eines, das auch die Spitex stark betrifft. Die Gespräche und Interviews unserer digitalen Fachveranstaltung zeigen eindrücklich, dass Handlungsbedarf besteht. Die Nachfrage für gut ausgebildetes Pflegepersonal wird weiterhin stark zunehmen – insbesondere bei der Spitex. Handlungsbedarf ist auch angezeigt, wenn man sich vor Augen führt, dass fast die Hälfte der Pflegefachkräfte den Beruf früher oder später an den Nagel hängt. Die Lage ist prekär, zumal das System mit der Covid-19-Situation aktuell zusätzlich massiv belastet wird.

Nur klatschen und Danke sagen reicht nicht. Die Arbeitsbedingungen müssen attraktiver werden, die Pflege muss auf der Grundlage von Kompetenz und Professionalität selbständiger handeln können und auch die Löhne müssen ein Thema werden. Gefordert wird, die Balance zu finden zwischen einer am Menschen orientierten Pflege und wirtschaftlichen Zwängen sowie zwischen fachlicher Selbstverständlichkeit und der allgegenwärtigen Bürokratisierung der Pflege.

Wichtig ist dabei auch, den Pflegeberuf als das zu erkennen, was er effektiv ist. Eine schöne, herausfordernde und sehr sinnvolle Tätigkeit; ein Beruf, in dem man Menschen helfen kann; ein Beruf, der viele Entwicklungsmöglichkeiten und nicht zuletzt einen sicheren Arbeitsplatz bietet, gerade auch in Krisenzeiten.

Also gilt es, die Bedingungen so zu gestalten, dass die Pflegeberufe auch in Zukunft attraktiv bleiben und reizvoll für unseren Nachwuchs sind. Ob am Schluss nun die Pflegeinitiative oder der indirekte Gegenvorschlag umgesetzt werden, ist vielleicht nicht so zentral, Hauptsache etwas geschieht! Beruhigend ist, dass auch die Bundespolitik den Handlungsbedarf erkannt hat. Wir warten gespannt auf die Entscheidungen im kommenden Jahr. Eine gesunde Portion Realismus ist gefragt: Die geforderte Entwicklung wird ganz sicher nicht gratis zu haben sein.

Als Spitex Verband und als Spitex-Organisationen vor Ort müssen wir uns gezielt für gute Arbeitsbedingungen und die Weiterentwicklung der Branche einsetzen. Die Spitex muss sich auf dem Arbeitsmarkt als moderne Arbeitgeberin und als attraktive Alternative für einen motivierten und engagierten Nachwuchs präsentieren. Ganz nach dem Motto der Ausbildungs-Kampagne vom Spitex Verband Aargau »Komm zu uns - für einen Beruf mit Zukunft» https://www.spitexausbildung.ch/

Dem Pflegeberuf gilt es Sorge zu tragen, wie Liliane Juchli so bildhaft darzustellen vermochte:
«Ausgebrannte Pflegende bringen keine Wärme mehr. Wem nützt ein Leuchtturm, wenn die Lampe nicht brennt?»

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Interviews

Interview mit Iren Bischofberger, Professorin für Pflegewissenschaft und Versorgungsforschung, Careum Hochschule Gesundheit, Zürich und Vorstandsmitglied von Spitex Schweiz

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Können Sie den Wandel des Pflegeberufes auf Diplomstufe in den letzten Jahren beschreiben?

Dazu müssen wir in Jahrzehnten denken: Von den frühen 1990er Jahren bis anfangs 2004 war nicht nur ein Wandel in der Ausbildung im Gange, sondern eine grosse Bildungsreform, nämlich von der SRK-Reglementierung hin zur eidgenössischen Gesetzgebung der Gesundheitsberufe (s. Grafik "Bildungsreform Gesundheitsberufe" auf der nächsten Seite). Damit wurde auch die Sekundar- und Tertiärstufe klarer unterschieden, als dies in der SRK Ära mit den ein- bis vierjährigen Ausbildungen möglich war. Parallel lief von 1999 bis 2010 der Bologna Prozess der dreistufigen Hochschulausbildung, sodass die pflegewissenschaftliche Ausbildung auch auf Bachelor, Master- und Doktoratsstufe angesiedelt werden konnte.
Neben der Ausbildung gibt es auch Weiterbildungen für spezialisierte Aufgaben an Höheren Fachschulen und Hochschulen (Fachhochschulen, Universitäre Hochschulen). Teils sind diese Abschlüsse vom Bund reglementiert (z. B. Höhere Fachprüfungen), teils nicht (CAS, DAS, MAS).
Grafik zur schweizerischen Bildungssystematik Gesundheit

Anspruchsvoll am jahrzehntelangen Wandel ist heute, dass Pflegfachpersonen mit alt- und neurechtlichen Abschlüssen auf dem Arbeitsmarkt sind. Das führt manchenorts immer noch zu einer Begriffs- und Kompetenzverwirrung – sowohl innerhalb des Pflegeberufs, bei Patientinnen/Angehörigen oder bei anderen Gesundheitsberufen.

Warum war dieser Wandel notwendig und erachten Sie ihn als schon abgeschlossen?
Die Bildungsreform wurde 2004 abgeschlossen, als das Berufsbildungsgesetz und das Fachhochschulgesetz in Kraft traten, und 2010, als die Bologna-Reform etabliert war. Dies erleichtert nun den nationalen und auch internationalen Vergleich der Abschlüsse von Gesundheitsberufen.

Im Bildungswesen gibt es immer wieder Anpassungen im kleineren Rahmen, z. B. weil neue Technologien auf den Markt kommen (Digitalisierung, Datenschutz), oder weil die Selbstbestimmung von Patienten und Angehörigen neu geregelt wird (Änderung des Zivilgesetzbuches zum Erwachsenenschutz und Kindesrecht). Kompetenzen dazu müssen in Bildungsgänge integriert werden.

Ein weiterer wichtiger Wandel zeichnet sich seit rund 10 Jahren ab: die Interprofessionelle Zusammenarbeit v. a. zwischen Pflege und Medizin. Sie wird auch von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) stark gefördert. Hier sehe ich das nächste Generationenprojekt für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Begünstigend wirken zwei Faktoren: Die Medizin wird weiblicher, einerseits mit über 50% Medizinstudentinnen, andererseits präsidiert ab 2021 erstmals eine Ärztin die FMH. Frauen tendieren zu weniger Hierarchien und tradierten Normen. Und die Pflegewissenschaft ist seit ihrer Ankunft in der Schweiz vor 20 Jahren inzwischen „erwachsen“ geworden und in der Hochschullandschaft mit acht pflegewissenschaftlichen MSc-Studiengängen in allen Landesteilen etabliert.

Welche Relevanz hat diese Entwicklung für die Branche Spitex?
Eine Bildungsreform absorbiert oft viel Zeit für die Branche und einzelne Betriebe. Umso wichtiger ist es, dass das Wohl von Patienten und Angehörigen angesichts all der Vorgaben nicht aus dem Blick gerät. Interessant ist, dass vor kurzem der Verein Pro Salute gegründet wurde, um die Stimmen der Prämienzahlenden, PatientInnen und KonsumentInnen zu bündeln und zu stärken. Das ist für die Spitex, die ja sehr nahe am Alltag von Patientinnen und Angehörigen wirkt, ein wichtiger zukünftiger Partner.
In diesem Zusammenhang müssen Pflegefachpersonen ihre Klientel und deren Bedürfnisse noch genauer kennen und nicht nur Standardangebote bereithalten. Dazu gehört z. B. auch die Weiterentwicklung von Spitex-Webseiten oder Social Media Aktivitäten, die durchaus noch attraktiver sein können. Denn in der Schweizer Bevölkerung steigt der Anteil an höheren Bildungsabschlüssen (Höhere Berufsbildung, Hochschule) seit Jahren und liegt bei jungen Frauen und Männern (25-34 Jahre) inzwischen je bei gut 50%. Entsprechend muss die Spitex immer differenziertere Fragen von Angehörigen und Patientinnen für unterschiedliche Bildungsniveaus beantworten können.


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Welche Fachpersonen braucht die Spitex, um ihren Auftrag in Zukunft zu erfüllen?
Einerseits braucht es fortgeschrittene Pflegeexpertinnen MSc/ANP im Mikrokosmos des Privathaushaltes der Klientinnen und Klienten. Damit meine ich ein ganzes Bündel an Fähigkeiten: den Rund-um-Blick für die individuelle Lebenswelt, ein vertieftes klinisch-pharmazeutisches Wissen für somatische und psychische Beschwerden, ein allparteiliches Verhalten inmitten zahlreicher Akteure, eine umsichtige Praxisentwicklung bei identifizierten Schwächen im Betrieb, und den raschen Beizug von Studienergebnissen. Ein gutes Beispiel ist der jüngst publizierte Helsana Arzneimittelreport 2019. Die Ergebnisse sind ein Steilpass für die Spitex, um die Verantwortung mit den Hausärzten zu teilen, damit die (zu) grosse Anzahl Medikamente in den Privathaushalten besser bewältigt wird.

Ich meine mit fortgeschrittener Pflegeexpertise MSc/ANP also nicht nur klinisches Assessment und darauf basierende Interventionen, wie sie manchmal mit Physician Assistant Kompetenzen verwechselt werden. Ich meine das gesamte Paket an Masterkompetenzen, die für den Wandel in der häuslichen Pflege und medizinischen Grundversorgung nötig sind. Dazu gehört z.B. auch, dass – um beim Beispiel der Medikamentenverantwortung zu bleiben – mit dem kantonalen Gesundheitsdepartement Regelungen für die einfachere interprofessionelle Zusammenarbeit ermöglicht werden. In einem ANP-Projekt im Kanton Uri, in dem ich beteiligt war, wurde dies mit einem amtlichen Gutachten unkompliziert aufgegleist und dann in der Zusammenarbeit kommunikativ sorgfältig umgesetzt.

Die Spitex sollte aber auch ihren Handlungsspielraum mit den bestehenden Pflegefachpersonen stärker nutzen, v. a. im Rahmen der KLV-Leistung „Beratung“, und zwar sowohl für Patientinnen als auch für Angehörige. Diese werden im Art. 7, Abs. 2 ja etwas kryptisch als „nichtberuflich an der Krankenpflege Mitwirkende» bezeichnet. Gemäss Verordnungstext kann die Beratung u. a. die Einnahme von Medikamenten oder die notwendigen Kontrollen umfassen. Da gibt es viel Beratungsspielraum, der auch gegenüber den Finanzierern gut argumentiert werden kann (und muss).


Was muss bei der Spitex passieren, damit sie für diese Fachpersonen langfristig attraktiv ist?
Wichtig ist in der Spitex die Laufbahnentwicklung von Pflegemitarbeitenden. Sie kann sich heute an der etablierten Bildungssystematik orientieren. Vorgesetzte und Mitarbeitende können aus einem grossen Angebot an Aus- und Weiterbildungen und entsprechend dem Bedarf von Patientinnen und Angehörigen auswählen. Ein Betrieb sollte auf einen durchdachten Mix von generalistischen und spezialisierten Kompetenzen sowie Leadership Funktionen setzen, immer verbunden mit den heutigen digitalen Anforderungen.

Die Spitex und die Pflege sind zudem eine typische Frauenbranche. Sie braucht deshalb klugen weiblichen Nachwuchs, der möglichst über 50% arbeitet. Denn der beste Schutz vor Altersarmut ist im heutigen System die Berufstätigkeit. Und Altersarmut in der Schweiz ist leider weiblich. Natürlich kommen die Gemeinden und damit die gemeinnützige Spitex dabei nicht am Ausbau von familienexterner Kinderbetreuung vorbei. Das macht nicht nur die Spitex, sondern eine Gemeinde zum attraktiven Lebens- und Arbeitsort.

Schliesslich sollte jede Spitex-Organisation eine Pflegeexpertin MSc/ANP anstellen. Kleinere Betriebe können das auch im Verbund tun. Sie können auch Mitarbeitende mit einem Bachelor anstellen oder HF-Mitarbeitende für das Bachelor Aufbaustudium motivieren und dann ein berufsbegleitendes MSc Pflegestudium ermöglichen. Es gibt zwei Gründe für mehr MSc-Mitarbeitende: Einerseits erwarten die Klientinnen und Angehörigen immer mehr, dass das weltweit beste Wissen in ihre Wohnzimmer kommt und dort seine Wirkung entfaltet, z. B. bei einem Polypharmazie Check zusammen mit der lokalen Apotheke. Andererseits werden die Qualitätsanforderungen mit der Umsetzung der KVG-Revision (Art. 58) ab dem Jahr 2021 weiter steigen. Da muss die Spitex-Branche am Ball bleiben und rasch evidenzbasierte Konzepte erstellen können. Das wiederum sind attraktive Aufgaben für Pflegeexpertinnen MSc/ANP.

Iren Bischofberger ist Vorstandsmitglied von Spitex Schweiz und Präsidentin Schweizerischer Verein für Pflegewissenschaft (VFP)

zur Grafik: Schweizerische Bildungssystematik Gesundheit

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Spitex Schweiz unterstützt den Gegenvorschlag zur Pflegeinitiative. Weshalb, erläutert Patrick Imhof im Interview mit Max Moor.
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Interview mit Nationalrätin Lilian Studer

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Frau Studer, zurzeit ist die Pflege in aller Munde auch bedingt durch COVID-Situation. Im Nationalrat wird sie vor allem im Rahmen der Pflegeinitiative aktiv behandelt. Was halten Sie von der Pflegeinitiative bzw. vom indirekten Gegenvorschlag? Können Sie den Handlungsbedarf in der Branche nachvollziehen?Der Kern der Initiative, den auch der Gegenvorschlag aufgenommen hat, ist die Anerkennung der Pflege und somit eine ausreichende, allen zugängliche Pflege von hoher Qualität, was wiederum mit genügend Pflegepersonal zu tun hat. Handlungsbedarf gibt es für mich aus zwei zentralen Gründen:
  • Die Altersstruktur der Schweiz verändert sich. Die Anzahl der Menschen über 65 nimmt in den kommenden Jahrzehnten rasant zu. Die Anzahl über-80-jähriger Personen wird voraussichtlich innert zehn Jahren von heute 440’000 auf 690’000 ansteigen und damit auch der Anteil an chronisch und mehrfach erkrankten Personen. Ganz klar ist, dass der Pflege- und Betreuungsbedarf erheblich zunehmen wird. Vor dieser Entwicklung können wir die Augen nicht verschliessen.
  • Die vorgängig genannten Zahlen betreffen zwar die Zukunft, schon heute ist jedoch die Situation unbefriedigend: Wir bilden nicht genügend Pflegefachpersonen aus. In der Schweiz wird nur rund die Hälfte des benötigten Nachwuchses ausgebildet. Darum rekrutiert unser Gesundheitswesen einen Drittel unseres Pflegepersonals aus dem Ausland; jede vierte Person hat ein ausländisches Diplom. Dies ist nicht nachhaltig, weder für uns und noch für die Länder, aus welchen die Fachkräfte kommen und denen das Personal dann fehlt.

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, sprechen die Initianten von einer dringend notwendigen Ausbildungsoffensive für die Pflege. Wie stehen Sie dazu, dass mehrere hundert Millionen Franken dafür investiert werden sollen?
Wenn wir den Tatsachen in die Augen sehen und eine gute Versorgung gewährleisten wollen, braucht es eine verpflichtende und finanzielle Unterstützung des Staates im Bereich der Ausbildung.
Das ist einer der wichtigsten Forderungen, um genügend Pflegepersonal mit den entsprechenden Qualifikationen zu rekrutieren. Dazu braucht es genügend Ausbildungsplätze. Der Kanton Aargau kennt hier schon eine Verpflichtung von Ausbildungsplätzen der Gesundheitsinstitutionen, was wichtig ist. Laut dem Gegenvorschlag sollen nun eben die Kantone verpflichtet werden, Vorgaben zum Bedarf an Ausbildungsplätzen und zum Ausbildungspotenzial zu erlassen. Dies sollen die Kantone finanziell unterstützen. Zudem soll auch Ausbildungsbeiträge zur Sicherung des Lebensunterhaltes während ihrer Ausbildungszeit für angehende diplomierte Pflegefachpersonen an höheren Fachschulen und Fachhochschulen erfolgen. Offenbar können damit – und dem gleichen Beitrag durch den Bund – die Abschlüsse von heute 2'700 auf 4'300 pro Jahr erhöht werden. Der Ständerat wollte in der ersten Beratung des Gesetzes aber nur eine «kann»-Formulierung und die Verantwortung über Ausbildungsbreiträge den Kantonen überlassen. Auch bei der zweiten Beratung hält die Ständeratskommission daran fest. Ich nehme an, es wird zur Klärung dieser Frage eine Einigungskonferenz zwischen den Räten geben, welche dann auch die Höhe des Bundesbeitrages bestimmen wird.

Wie schätzen Sie die Bereitschaft von Bundesbern ein, diese Mittel zu sprechen?
Dass Mittel seitens Bund gesprochen werden, ist klar. Die grösste Diskrepanz liegt zurzeit in der Höhe des Betrages und in der Frage der Verpflichtung der Kantone. Der Nationalrat will die Kantone verpflichten die Lebenshaltungskosten angehender Pflegefachkräften mit Beiträgen zu unterstützen und veranschlagt dafür 469 Millionen Franken. Da der Bund höchstens die Hälfte der Kosten der Kantone übernimmt, müssten diese denselben Betrag investieren. Ständerat und Bundesrat hingegen möchten keine Verpflichtung der Kantone und veranschlagen 369 Millionen.


Was passiert, wenn nichts passiert? Wer pflegt uns in Zukunft, wenn weder die Initiative noch der indirekte Gegenvorschlag angenommen werden?
Der Gegenvorschlag ist auf der Zielgeraden. Ich nehme nicht an, dass eine Mehrheit des Stände- oder des Nationalrates dieses Gesetz in der Schlussabstimmung ablehnen werden - dafür ist der Handlungsbedarf zu klar, was auch in den Beratungen immer wieder betont wurde. Die wichtige offene Frage ist tatsächlich die finanzielle Verbindlichkeit. Wie dies gelöst wird, werden wir nach Ende der Beratung des Gegenvorschlags sehen. Vielleicht wird auch das Volk über die Initiative befinden. Sollten die wichtigsten Punkte der Initianten im Gegenvorschlag nicht erfüllt werden, kommt diese sicher vors Volk und wird grosse Unterstützung haben. Ich denke daher noch nicht an ein «Worst-Case-Szenario».
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Die diplomierte Pflegefachfrau mit NDS für Intensivpflege und war beinahe 30 Jahre Leiterin zuerst der Intensiv- und danach der chirurgischen Klinik eines Akutspitals. Nach der Zusatzausbildung in Palliative Care und kam sie zur Spitex Region Lenzburg, bei welcher sie bis zu ihrer Pensionierung im Sommer 2020 das Regionale Palliative Zentrum (RPZ) Lenzburg leitete.
Die Entwicklung des Pflegeberufes erlebte Claudia Hofmann direkt an der Front - im Spital und bei der Spitex. 
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Impressum

Impressum:
Spitex Verband Aargau
Laurenzenvorstadt 11
5000 Aarau
T 062 824 64 39

info@spitexag.ch
www.spitexag.ch

Einmalige Ausgabe:
Aufgrund der aktuellen COVID-19-Situation konnte die jährliche Fachveranstaltung zum Spitex-Tag im September nicht durchgeführt werden. Der SVAG widmet sich dem Thema in Form diese "digitalen Fachveranstaltung"

Redaktion/Gestaltung: SVAG



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